Donnerstag, Februar 16, 2006

Karikaturen – Aufruhr - Theorien

Mit genügendem Abstand erscheinen endlich vermehrt intelligente Beiträge zur erregten Debatte um Karikaturen und Meinungsfreiheit. Der Soziologieprofessor Lars Qvortrup von der Universität Süddänemark in Odense versucht einen Blick hinter die Kampagnen zu werfen, in dem er Manuel Castells Theorie der globalen Netzwerkgesellschaft und Niklas Luhmanns Theorie der globalen Kommunikation auf ihre Anwendung auf diese Krise untersucht. Er bezweifelt, dass es ein globales Netzwerk gibt, da die epidemische Verbreitung von Informationen weiterhin die Ausnahme und nicht die Regel ist. Es benötigt interessierte Kräfte um Informationen aus einer Zeitung in Dänemark zu einer globalen Information aufzuwerten.
Um ihn zu zitieren: „..., es [gibt] keine direkte Verbindung zwischen den Karikaturen und den sozialen Unruhen in der muslimischen Welt. Sie lösten lediglich bereits existierende dynamische Kräfte aus.“ (taz 15. Februar 2006, S. 15)
Niklas Luhmann beschreibt die Welt als ein System von lose verbundenen Netzwerken. Jedes dieser Netzwerke funktioniert nach eigenen Mechanismen inklusive einer Selbstreflektion. Diese Netzwerke beeinflussen und stören sich gegenseitig, aber dieser Polyzentrismus führt nicht zum Chaos sondern zu einer dynamischen Selbststabilisierung.
Ich folge nicht den Konsequenzen, die Lars Qvertrup aus dieser Analyse zieht, auch wenn ich zustimme, das diese Episode einmal mehr vorführte, dass die politische und wirtschaftliche Elite daran erinnert werden sollte, dass ihre Kontrolle nur marginal ist.

Sonntag, Februar 12, 2006

Karikaturen über Karikaturisten

Meine Zeitung hat von einigen Tagen auf der Titelseite eine wunderbare Karikatur über diabolische Karikaturisten gezeigt. In der Samstagsausgabe war noch ein weiteres feineres Beispiel zum Thema zu sehen und zu belächeln.
Und wo ich gerade bei Strichzeichnungen bin, möchte ich unbedingt auf diesen gezeichneten Kommentar zur militärischen Tradition einer Wintersportart verweisen, die ausgiebig im deutschen Fernsehen gezeigt wird. Es ist schon seltsam, wenn Sniper zu bejubelten Helden werden.
„Unserer“ Team besteht, oh Wunder, aus Soldatinnen und Soldaten.

Donnerstag, Februar 09, 2006

Karikaturen - Fortsetzung

Ein Gedanke zu den Protesten wird nicht oft genug in den Medien genannt. Politische Systeme, die bedroht sind, haben große Interessen daran, dass "ihr Volk" seinen Unmut an Themen ohne klaren Zusammenhang zur Innenpolitik abarbeitet. Im Extremfall zieht ein Land in den Krieg, um von innenpolitischen Krisen abzulenken.
Beispiele:
-Syrien ist eine Diktatur, die innenpolitisch gefährdet ist, da eine arabisch-muslimische Mehrheit alle anderen Gruppen (Kurden, Christen, etc.) gewaltsam unterdrückt.
-Iran (hier sind wohl keine Details notwendig)
-Saudi Arabien, Yemen, Ägypten, etc. (alle Regime sind auf der Regierungsebene Partner der USA, diktatorisch bis undemokratisch und von regelmäßigen Protesten gegen die Regierung erschüttert)
-Pakistan (Militärdiktatur)
-Afghanistan (Illusion eines Staates; der Präsident beherrscht vielleicht die Hauptstadt und einige, wenige Regionen; der Rest ist unter Militärverwaltung entweder eines Warlords oder der US Armee)
Es ist also nicht ungewöhnlich, dass gerade aus diesen Staaten (Libanon ist immer noch eine syrische Kolonie!) vehemente Proteste gegen die Karikaturen und die westliche kulturelle Arroganz zu finden sind.

Wie Ablenkung funktioniert, ist wunderbar in der Satire "Wag the Dog" (Barry Levinson 1997) zu sehen.

Sonntag, Februar 05, 2006

Table-Quiz im Café K - Schlechte, alte Witze

Das Table-Quiz am Samstag war ein Erfolg.
Nein, es langte wieder mal nicht zu einem Preisrang. Wie war das noch: Gold – Silber – Bronze – Blech und dann ... Holz. Wir platzierten uns als fünftes von zwölf Teams.
Der Erfolg war, dass wir vier als Team und alle anderen im Café K vier Stunden lang sehr viel Spaß hatten.

Alleine die erste angekündigte Fragekategorie war mir ein Rätsel. „Beenden Sie diesen schlechten alten Witz“. Peter Düker erzählte also zehn unvollständige Witze und die jeweilige Pointe sollte erraten werden. Da dies nicht einfach war, wurde sogar die jeweilige Silbenzahl vorgegeben.
Es gibt Menschen, die Witze erzählen können und Menschen, die diese zumindest mit einigen Humor noch nacherzählen können. Wenn kann ich das eine noch das andere. Ich lache herzlich über gelungene Witze. Peter Düker kann Witze erzählen und machte nun welche über Kannibalen, Blondinen, Doktoren, Jesus (!), Manta-Fahrer und natürlich auch einen Schlüpfrigen.
Ein Beispiel? „Wie nennt man einen Mann, der 90 Prozent seiner Denkfähigkeit verloren hat?“ (Antwort 2 Silben; Lösung siehe unten).
Wir hatten eine Witzeerzählerin im Team und machten erstaunliche 7 von 10 Punkten.

Die zweite Kategorie kam vermutlich bereits zum dritten Mal zum Einsatz und ist eine Herzens- (bzw. Magens-) Angelegenheit des Wirtes Ralf: Essen und Trinken.
Was zeichnet Earl Grey aus, was ist Haggis, eine Kaltmamsell, Homogenisierung , Topfenkuchen, Guter Heinrich und welche Rebsorte wird für Prosecco verwendet? Wieder 7 von 10.

Nicht für die Schule, für das Table-Quiz lernen wir. Details der so genannten Allgemeinbildung wurden abgefragt. Maßeinheit für Luftdruck? Was heißt Brontosaurus auf Deutsch? Wer schrieb „Die Weber“? Supraleiter, O’Hare, Bellfried, Protozoen. Wieder 7 von 10 und jetzt waren wir im Zwischenergebnis auf Platz 3!

Die Zufallsfunde aus den Medien der letzten zwei Wochen, die jeweils im letzten Block abgefragt werden, ließen uns mal wieder abstürzen. Ich habe hier viel über die Mohammed-Karikaturen geschrieben, aber wußte dann nicht, wie die dänische Tageszeitung heißt, in der im letzten Jahre diese Kampagne startete? Woher stammt der Name Nylon? Oder wie heißt die neue Single von Mel C, deren Video in Hannover gedreht wurde?
Bei einer Frage gab es einen erzürnten Kommentar von einer Frau aus unserm Team. Warum sind jedes Mal Männerfragen aus dem Bereich von Technik oder Fussball dabei? Dies wurde bestritten und bemerkt, dass es so etwa im 21. Jahrhundert nicht mehr gibt. Jedoch war Gendermainstreaming als Begriff und Prozess unbekannt.

Ralf hat im Café K neue Tapas im Angebot und die mit dem Krebsfleisch schmecken besonders gut.

Die Antwort auf die Scherzfrage lautete: Witwer.
Unsere Antwort Eunuch wurde auch gewertet.

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Eine Link-Liste zu allen Beiträgen zum Table-Quiz im Café K in umgekehrt chronologischer Reihenfolge:

Doitschland und Islamphobie

Sonntag, 5. Februar 2006 0:30 in der U-Bahnlinie 7 zwischen Hauptbahnhof und Lister Platz.
Ein betrunkener Mann ist mit einem Kumpel eingestiegen und der Mann erzählt mit dröhnenden Stimme von seiner Einschätzung der Personen am Nachbartisch in der gerade verlassenen Kneipe. „Das waren Verbrecher, so etwas sehe ich sofort.“
Die Entgegnungen seines Kumpels sind nicht zu verstehen. Plötzlich gibt es einen Themenwechsel und der Mann fängt an zu schimpfen. „Wir Deutschen, ...“. Ich will nicht mehr hinhören. Das sind diese Menschen, wo mir die Begriffe „deutsch“, „Deutschland“, „Nation“ nur noch Ekel erzeugen. Mit Betrunkenen ist nicht zu argumentieren und so wären Widerworte vor allem eine Einladung zum Streit und mehr.
Plötzlich beginnt er auf Muslime zu schimpfen und spricht von „deren Unsinn im Koran“ und das die (und dies klingt sehr angewidert) „beim Gebet den Boden küssen“. Der Mann beschallt den ganzen U-Bahnwaggon und ein Muslim widerspricht ihn und weist ihn verbal in seine Schranken. Ein erstes Rempeln erfolgt.
Die U-Bahn läuft in die Station Lister Platz ein. Die beiden Betrunkenen verlassen hinter mir schimpfend den Waggon und verhindern damit vermutlich eine Schlägerei. Während ich die Station verlasse höre ich hinter mir wieder die dröhnende Stimme mit seinem „Deutschland“ und „wir Deutschen“.

Ein ungewöhnliches Ende eines Abends mit Table-Quiz im Café K. Doch hierzu folgt noch mehr.

Freitag, Februar 03, 2006

Satire: ... und die Spirale dreht sich weiter

Die französische Boulevardzeitung France Soir druckte am Mittwoch die dänischen Mohammed-Karikaturen nach und setzte auf die Titelseite eine weitere Karikatur, die vier göttliche Wesen zeigt, in welcher ein christlicher Gott zum Propheten Mohammed sagt „Râle pas, Mahomet ... on a TOUS été caricaturés, ici (Beklag dich nicht, Mohammed, wir wurden ALLE hier karikiert)“. Unmittelbare Reaktion war die fristlose Entlassung des Chefredakteurs.
Unsere liberale Wochenzeitung „Die Zeit“ hinterfragt aktuell den Beginn des so genannten Skandal um die Karikaturen in der rechtsgerichteten dänischen Tageszeitung. Deren ideologischen Hintergrund aus einer Mischung von Nationalismus, Xenophobie und rassistischem Dünkel gegenüber nicht christlichen Religionen führten zu den Zeichnungen. Der Ansatz des Chefredakteurs war, zu prüfen, wie weit geschmäht werden kann, bis es zu einem Aufschrei sowohl der muslimischen Minderheit (3 Prozent der Bevölkerung in Dänemark), als auch der geschrumpften liberalen Öffentlichkeit kommt. Nun die Grenzen sind erfolgreich überschritten und der Chefredakteur macht seitdem vermutlich jeden Tag einen Freudentanz hinter verschlossen Türen. Sein Ansatz ging voll auf.

In meiner Zeitung, gibt es zum Thema einen weiteren Brennpunkt mit einem Kommentar auf der Titelseite, einem wichtigen Zwischenruf von Hilal Sezgin, der Bericht über die France Soir und einer Reportage des Skandinavienkorrespondenten Reinhard Wolff aus Kopenhagen. Ein muslimischer Däne sagte ihm, dass sehr offensichtlich die Absicht der Zeitung zu erkennen ist: „Damit wollen wir euch kränken und es ist uns scheißegal, was ihr denkt!“ Bemerkenswert ist auch sein Kommentar zum Nachdruck der Karikaturen in diversen europäischen Zeitungen unter dem Titel Wahrung der Presse- und Meinungsfreiheit: „Wenn einer sich auf den Marktplatz stellt und auf die Bibel pinkelt, mag er das Recht dazu haben. Aber deshalb muss ich mich nicht daneben stellen und auch darauf pinkeln."
Der Chefredakteur der dänischen Tageszeitung hat eigentlich einen ähnlicher Ansatz, wie die Satire, wo im monatlichen Satiremagazin Titanic stets aufs Neue, die Grenzen des guten Geschmacks strapaziert werden, um sich auch über Personen und Institutionen lustig zu machen, die auf herkömmlichen Spott und Satire nicht reagieren. Aber es geht ja nicht um Satire, sondern um eine Forcierung eines Konfliktes, den Versuch Menschen zu zwingen, sich zu beschränkten Positionen zu äußern und damit die Politik zu einer Reaktion zu zwingen.

Ein gelungenes Beispiel von Satire war die Erfindung der Birne als Synonym für Helmut Kohl im Jahre 1982 durch Redakteure der Titanic. Die satte, bürgerliche Selbstzufriedenheit des Pfälzers ließ alle ironische Kritik an ihm abprallen. Es ist die Schaffung der zum Teil infantilen Birne, die endlich neben der Realsatire in der Wortwahl und Aussprache der Reden dieses Mannes zu lauten Lachern führten. Und dies ist eines der vornehmsten Pflichten des aufgeklärten Bürgers, die Elite auszulachen, wenn sie dümmlich wird.

Die Aufklärung ist keine historische Phase, sondern ein kontinuierlicher Prozess.

Donnerstag, Februar 02, 2006

Was darf Satire?

Alles!

Es wird zur Zeit ein internationaler Medienskandal inszeniert. In einer nationalistischen dänischen Tageszeitung, die für ihre rassistischen Artikel berüchtigt ist und damit eigentlich nur den Mainstream der dänischen Politik widerspiegelt und forciert erschien eine Sammlung von Karikaturen über den Propheten Mohammed. In unserer schnellen, digitalisierten Welt dauerte es einige Wochen bis diese Zeichnungen auch in den muslimisch-orthodoxen Staaten und bei den dortigen Eliten bekannt wurden. Nun tauchen Forderungen nach Entschuldigungen und Boykott von dänischen Produkten auf.

Diese Debatten über Blasphemie tauchen immer wieder auf. Ich erinnere mich an die gewalttätigen Demonstrationen gegen Martin Scorceces Film „Last Temptation of Jesus Christ“ (1989) in den USA und in Frankreich oder die Fatwa gegen Salman Rushdie (1988), die zu mehreren Morden gegen Übersetzer und Verleger führten und schließlich die Todesdrohungen gegen einen taz-Redakteur nach einem Text auf der ausgewiesenen Satireseite „Die Wahrheit“.

Strenggläubige Menschen haben offensichtlich ein Problem in unserer säkularisierten Welt, in der jede Meinung universell bekannt werden kann. Der österreichische Intellektuelle Robert Misik fasst viele dieser Aufregungen und die Reaktionen von militanten Liberalen (!) heute in einem Artikel pointiert zusammen. Es ist heute eines der Brennpunktthemen in der taz, und entsprechend finden sich hierzu auch noch ein Interview mit dem Deutschlandkorrespondenten von al-Dschasira in Berlin Aktham Suliman, ein Kommentar der Chefredakteurin Bascha Mika und eine Karikatur von Tilman Mette.

Der Glaube ist eine Privatsache, auch wenn viele Religionen eine Pflicht zur Mission als ein Teil des jeweiligen Glaubensverständnisses formuliert haben. Erst wenn persönliche Beleidigungen und rassistische Herabwürdigung als Satire bezeichnet werden, ist eine schwammige Grenze überschritten und die berechtigte Frage zu stellen, ob dies noch Satire ist.